Sicherheit
Compliance
4 min Lesezeit
Published on
August 31, 2026

Das Netzwerk ist quantensicher – die Backups aber noch nicht

Antonio Mecci
CISO | SecureSafe (DSwiss AG)
Bild von in einer Reihe gestapelten Datenservern

Inhaltsverzeichnis

Überschrift

Einleitung

Post-Quanten-Kryptografie hat die Netzwerkschicht bereits erreicht, weitgehend unbemerkt. Browser und TLS-Bibliotheken handeln standardmäßig hybride Schlüsselaustauschverfahren aus, die klassische Kurvenkryptografie mit dem neuen NIST-Gitterstandard kombinieren. Niemand in der IT musste dafür aktiv werden. Beim Storage sieht es anders aus. Daten, die heute in ein Archiv geschrieben werden, müssen unter Umständen zehn, zwanzig oder dreißig Jahre lang vertraulich und überprüfbar bleiben, und die Schlüsselhierarchien, die sie schützen, wurden in einer Welt entworfen, in der RSA als dauerhaft unknackbar galt.

Wichtige Erkenntnisse

  • Die Post-Quanten-Migration auf Netzwerkebene erfolgt automatisch über Software-Updates; beim Storage ist das nicht der Fall, dort gelten Aufbewahrungsfristen von mehreren Jahrzehnten.
  • Die Quantengefahr für gespeicherte Daten liegt an drei Stellen: bei den Key-Encryption-Keys, bei Signaturen auf Backup-Katalogen und archivierten Dokumenten sowie im Replikationsverkehr, der durch „Harvest now, decrypt later“ gefährdet ist.
  • Envelope Encryption ermöglicht eine schnelle Lösung, bei der nur die Schlüsselebene neu umschlossen wird, allerdings nur, wenn jeder Anbieter in der Kette (Key-Management, Backup-Software, Firmware, Laufwerke, HSMs, Cloud-APIs) Post-Quanten-Schlüsselgrößen unterstützt.
  • Das Tempo der Migration bestimmt der langsamste Anbieter in dieser Kette, und die meisten davon beantworten Post-Quanten-Fragen derzeit mit einer Folie statt mit einem Liefertermin.

Die koordinierte Roadmap der EU und das deutsche BSI haben beide konkrete Enddaten für klassische Public-Key-Kryptografie festgelegt: 2031 für die Schlüsseleinigung, 2030 bei hohem Schutzbedarf und 2035 für Signaturen. Die Schweizer FINMA berichtete im Juli 2026, dass den meisten befragten Finanzinstituten weiterhin ein klarer Migrationsplan fehlt, und erwartet nun bis Mitte 2027 eine Post-Quanten-Roadmap, die auf einem Inventar aufbaut, das die Verschlüsselung gespeicherter Daten ausdrücklich einschließt. Stellt man Aufbewahrungspflichten und Krypto-Fahrplan nebeneinander, wird die Rechnung unangenehm: Ein Datensatz, der in diesem Quartal in ein Archiv geschrieben wird, muss den klassischen Algorithmus, der ihn heute schützt, um etwa ein Jahrzehnt überleben.

Die eigentliche Gefahr liegt nicht in der verschlüsselten Nutzlast selbst. AES-256 verliert durch Grovers Algorithmus etwas an Stärke, behält aber einen ausreichenden Sicherheitsabstand. Das Risiko liegt bei den Key-Encryption-Keys, die ursprünglich per RSA oder ECC ausgetauscht wurden, bei den Signaturen, die Backup-Katalogen, WORM-Aufbewahrungsnachweisen und archivierten Dokumenten ihren Beweiswert verleihen, sowie im Replikationsverkehr, der heute aufgezeichnet und später entschlüsselt werden kann. Saubere Envelope Encryption bietet eine Abkürzung: Nur die Schlüsselebene muss mit einem Hybridverfahren neu umschlossen werden, wenige Kilobyte statt eines halben Exabyte an neu geschriebenen Daten. Diese Abkürzung funktioniert jedoch nur, wenn Key-Management-Server, Appliance und Laufwerks-Firmware entlang der gesamten Kette die größeren Post-Quanten-Schlüsselgrößen verarbeiten können. Fehlt Envelope Encryption, bedeutet Migration, den gesamten Bestand zurückzulesen und neu zu schreiben, ein Vorgang, der bei einem mittelgroßen Archiv Monate dauern kann.

Vier praktische Hebel erledigen den Großteil der Arbeit: das Umschließen der Schlüsselhierarchien mit Hybridverfahren überall dort, wo Envelope Encryption es zulässt, da dies der günstigste Schritt ist; die Erneuerung der Beweisebene mit Archiv-Zeitstempeln und hash-basierten Langzeitsignaturen; die Kopplung einer unvermeidbaren vollständigen Neuverschlüsselung an einen ohnehin anstehenden Medienwechsel; sowie das Löschen von Daten, die ihre Aufbewahrungspflicht bereits überschritten haben, da diese reines Quantenrisiko ohne jeden Gegenwert darstellen.

👉 Lesen Sie den vollständigen Artikel bei Computer Weekly:
https://www.computerweekly.com/de/meinung/Das-Netzwerk-ist-quantensicher-die-Backups-aber-noch-nicht

Veröffentlicht am: computerweekly.com

Autor: Antonio Paolo Mecci

Fazit

Das Netzwerk hat seinen Teil des Post-Quanten-Problems durch routinemäßiges Patchen gelöst. Beim Storage wird sich das Problem nicht von selbst lösen, denn der begrenzende Faktor ist die Abstimmung zwischen Key-Management-Anbietern, Appliance-Herstellern, Laufwerks-Firmware und Cloud-APIs, die sich alle in ihrem eigenen Tempo bewegen. Unternehmen, die jetzt verbindliche Hybridverfahren und Liefertermine in Verträge mit ihren Anbietern aufnehmen, werden diejenigen sein, die erfolgreiche Restores testen können, sobald die ersten neu umschlossenen Schlüssel eintreffen, und nicht erst bei einer tatsächlichen Wiederherstellung feststellen, dass die Lücke noch besteht.

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